Die Masken in unserem Leben

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Während meiner therapeutischen Ausbildung stellte meine Lehrerin uns „Azubis“ einmal folgende Frage:     Wer bin ich?

Ich konnte mit dieser Frage spontan gar nichts anfangen. Wir schauten uns erst einmal fragend an. Dann wurden Berufe benannt, ich bin dies und das, dann Hobby`s, der eigene Name, Eigenschaften, ich bin Mutter, ich bin Vater, usw. Aber unsere Lehrerin fragte weiter: wer bin ich?

Wer bin ich denn? Wie sehe ich mich? Wie sehen mich die anderen? Was zeige ich von mir und was lassen andere von sich erkennen?

Seither hat mich das Thema sehr beschäftigt. Ich habe festgestellt, kaum einer zeigt sich so, wie er wirklich ist. Wir alle haben unsere Masken entwickelt, manche tragen sogar mehrere Schichten übereinander. Manche sind zur Maske geworden. Andere wechseln die Masken so oft, dass man gar nicht mehr weiß, wer sie wirklich sind.

Woher kommen diese Masken?

Wir waren nicht immer so. Aber wann ging es los, dass wir uns nicht mehr zeigen wollten? Gehen wir zurück zur Geburt. Wir kommen als Baby auf die Welt, rein, unschuldig und abhängig. Unser Leben hängt nicht nur von Nahrung ab, sondern auch von Wärme, Liebe, Zugehörigkeit, Anerkennung und Zuwendung.

Es gibt Berichte über einen schrecklichen Versuch von Friedrich II, der im 12.Jh. Waisenbabys nur Nahrung zukommen ließ, ansonsten aber gar nichts, weder Ansprache, noch Aufmerksamkeit, noch Zärtlichkeiten. Innerhalb kurzer Zeit starben alle Babys! Ohne diese elementare Zuwendung ist das Überleben also nicht möglich!

In der Kindheit lernen wir, dass an Liebe und Zuwendung bestimmte Bedingungen geknüpft sind: brav sein, still sein, gute Leistungen bringen, pflegeleicht sein, usw. Wir tun als Kind alles, um unseren Eltern zu gefallen, denn von ihrem Wohlwollen sind wir abhängig.

Diese Bedürfnisse tragen wir in uns, auch wenn wir erwachsen werden. Die meisten von uns haben genug Nahrung erhalten. Doch kaum ein Kind wurde von seinen Eltern bedingungslos geliebt. Wir haben alle unsere Verletzungen und unser Mangelgefühl.

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Es reicht ein Satz wie: „Wenn du so trotzig bist, dann bekommst du auch kein Eis“. Und schon kommt die Maske „fröhlich schauen“, auch wenn dem Kind gar nicht danach ist.

 Der Junge weint. Ein anderer Junge sieht das und ruft: „Heulsuse“! In Zukunft werden die Tränen unterdrückt und überspielt.

In der Schule will man dazu gehören, cool sein. Ein Schüler macht sich über den Mitschüler lustig, man lacht mit, obwohl man gar nicht lachen will. Nur aus Angst, nicht mehr dazu zu gehören.

Im Berufsleben spielt man den Souveränen, der alles im Griff hat, Probleme nennt man lässig „Herausforderung“. Dabei steht man innerlich kurz vor dem burnout.

Und manche Partnerschaften und Freundschaften sind die reinsten Maskeraden! Dahinter stecken immer die gleichen Grundbedürfnisse: Zugehörigkeit, Liebe, Anerkennung.

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Wir haben die Masken zum Schutz entwickelt.

Wir brauchen sie! Sie sollen unser Inneres verbergen, die Zartheit und die Verletzlichkeit, unsere Seele. Sie sollen nur noch das durchlassen, was uns keinen Schaden zufügen kann. Und sie sollen nach außen nur das von uns zeigen, wozu wir bereit sind.

Doch es kostet viel Energie all diese Rollen auf Dauer aufrecht zu erhalten… Und etwas Wesentliches rückt immer mehr nach hinten: unser wahres Ich.

Wissen wir noch, wer wir wirklich sind? Was unser Wesen ist, unsere Sehnsüchte, Leidenschaften, unsere Fähigkeiten?

Was machen die Masken mit uns?

Die Masken bremsen uns und engen uns ein. Wir verstecken unsere wahren Gefühle, bis wir sie selbst kaum noch spüren. Nur um zu gefallen, sind wir nicht mehr echt. Unsere Kraft kann nicht frei fließen. Irgendwann haben wir keine Energie mehr und keine Lust mehr auf ein Leben, das gar nicht mehr unser Leben ist.

Die Lösung heißt: die Masken abnehmen!

Stellen wir uns für einen Moment vor, wir könnten einfach alle Masken fallenlassen und es würde uns nichts passieren! Wir könnten „Ja“ sagen, wenn wir „Ja“ denken, und „Nein“ sagen, wenn wir „Nein“ denken. Wir müssten nicht lachen, wenn uns nach weinen wäre. Wir könnten zugeben, wenn wir Angst haben und müßten nicht den Starken spielen. Wir hätten nur noch Beziehungen mit Menschen, die uns so nehmen, wie wir wirklich sind. Wir hätten keine Angst mehr verletzt zu werden, die Meinung der anderen wäre uns ganz egal…! Wie entspannend das sein könnte!

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Ich glaube, dass viele Menschen ihre Masken gerne ablegen würden, wenn sie nur jemand dazu ermutigen würde.

Man kann mit gutem Beispiel voran gehen. Wer den ersten Schritt wagt, erntet vom anderen oft Dankbarkeit. Plötzlich entspannt sich ein Gespräch, man kann ausatmen, endlich frei reden! Wir sind uns alle so ähnlich hinter den Masken!

Unsere Seele will echt und frei sein! Dann geht es uns wirklich gut.

Es gehört Mut dazu, wieder derjenige zu werden, der man eigentlich schon immer war, mit seinem ganzen, einzigartigen Potential. Wahrscheinlich können wir nicht von heute auf morgen komplett alle Masken fallen lassen. Schließlich haben sie uns gut gedient. Sie haben uns vor Schmerzen beschützt. Wir haben unser Gesicht bewahrt! Aber vielleicht geht es nach und nach, sobald wir spüren, wie gut es uns tut authentisch zu sein…

Wenn wir uns zeigen, ist es möglich, dass wir manche Menschen verlieren. Vielleicht mögen manche Menschen unser wahres Gesicht nicht und wollen unsere ehrliche Meinung gar nicht hören. Möglicherweise ändert sich das Umfeld. Aber wäre das so schlimm? Ist es nicht noch schlimmer, nicht um seinetwegen gemocht zu werden, sondern um der Masken-wegen?

Niemand braucht Angst zu haben. Jeder Einzelne kann stolz auf sich sein, so wie er ist. Schließlich haben wir es bis hierhin gebracht! Wir haben es so gut gemacht, wie wir konnten. Und wir können es noch besser machen!

Wir alle haben Stärken und Schwächen. So ist der Mensch. Wenn wir aufhören abhängig von der Anerkennung von außen zu sein, und stattdessen uns selbst akzeptieren und anerkennen, sind wir frei!

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Es beginnt mit einer Entscheidung. Eine Entscheidung für sich selbst.

Nochmal zurück zu meiner Lehrerin mit ihrer Frage: wer bin ich? Unsere Antworten waren noch nicht am Kern angelangt. Also bekamen wir die Aufgabe, die Augen zu schließen und  sich selbst die Frage zu stellen. Es wurde still. Wer bin ich hinter meiner Maske?…und dahinter…und dahinter…?

Die Antwort kam:  Ich bin der, der ich bin.

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